Impulse 

Gedanken zu Beziehungen, Intimität, Sexualität und dem, was in uns und zwischen Menschen geschieht.

Es soll Raum geben für unterschiedliche Perspektiven, Fragen und Zusammenhänge. Es ist nicht als fertige Antwort noch als allgemein gültige Regel zu verstehen.

Diese Impulse sollen dich dazu einladen, genauer hinzusehen, vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und vielleicht Worte für etwas zu finden, das du bisher nur als Gefühl kanntest.



Wann beginnt Untreue?

Die Antwort ist weniger eindeutig als gedacht.

„Treue ist mir wichtig.“ Der Satz klingt ja schon mal schön. Das Problem: Zwei Menschen können ihn zwar genauso aussprechen, aber damit trotzdem etwas völlig Unterschiedliches meinen. Jeder hat hier eine andere Definition, was denn Treue überhaupt für ihn bedeutet.

Für manche beginnt Untreue beim Küssen oder beim Sex. Für den anderen bereits beim Flirt; bei der Nachricht, die verheimlicht wird; bei gelöschten Chats oder bei emotionaler Nähe zu einem Dritten, die verborgen wird.

Treue ist daher nicht nur eine Frage des Verhaltens. Sie ist ebenso die Frage der persönlichen Grenzen und der gemeinsam vereinbarten Bedeutung.

Streit entsteht meist dann, wenn beide davon ausgehen, dass ihre Definition selbstverständlich ist und für den anderen genauso zählt. Über Treue wird dann erst in den meisten Fällen gesprochen, wenn die Grenze bereits überschritten wurde, obwohl diese Grenze womöglich noch nicht an- bzw. ausgesprochen wurde.

Unterstützend wäre es, früher darüber zu sprechen:

Was bedeutet Treue für mich?

Welches Verhalten empfinde ich als Grenzüberschreitend?

Was möchten wir voneinander erfahren?

Welche Vereinbarung fühlt sich für uns stimmig an?


Dabei geht es nicht darum, eine allgemeingültige Definition zu finden, sondern es geht darum, nicht nach unterschiedlichen Regelwerken dieselbe Beziehung führen zu wollen.

Wann beginnt Untreue für dich?


Würdest du mich auch berühren, wenn danach nichts passiert?

Wenn Nähe immer ein Danach braucht

Manchmal fehlt nicht die Lust. Manchmal fehlt einfach nur Nähe, die nichts fordert. Eine Berührung, die ohne Erwartungen passiert und einfach so bleiben darf.

Ein Arm um dich. Eine Hand auf deiner Haut. Eine Umarmung, ein Kuss, bei denen du nicht überlegen musst, was sie bedeuten oder was von dir erwartet wird. Berührung kann neben sexuellen Aspekten auch Geborgenheit, Sicherheit und Verbundenheit vermitteln. Sie kann beruhigen, trösten, Spannungen lösen oder einfach nur schön sein. Sie kann auch Lust auslösen, muss es aber nicht. Trotzdem wird häufig körperliche Nähe als Einstieg zu Sex verstanden.

Wenn Berührung wiederholt mit der Erwartung von Sex verbunden ist, kann dadurch die Leichtigkeit der Berührung verloren gehen.  Dann ist eine Berührung nicht mehr bloß eine Berührung, sondern sie wird zu einer Entscheidung, die getroffen werden soll:

Lasse ich mich darauf ein, obwohl ich gerade nicht weiß, ob ich mehr möchte?
Darf ich diese Nähe genießen, ohne Gegenleistung?
Wenn ich jetzt Nein zu Sex sage, enttäusche ich mein Gegenüber?

So kann Nähe weniger werden. Nicht unbedingt, weil das Bedürfnis nicht mehr existiert, sondern weil nicht klar ist, ob Nähe allein für sich stehen darf. Erst recht dann, wenn Nähe mit Sex verknüpft wird und eine Erwartungshaltung dadurch entsteht. Das kann vom Gegenüber als Ablehnung, Rückzug oder fehlende Anziehung wirken. Hierdurch kann ein unausgesprochener Konflikt entstehen. Der eine möchte Nähe, traut sich aber diese nicht zuzulassen, weil es unklar ist, ob sie ohne Sex sein darf und der andere versteht es als Rückzug oder Abwehr. Dadurch kann Distanz entstehen.

Nähe und Lust folgen nicht immer demselben Rhythmus

Lust entsteht nicht bei allen Menschen auf die gleiche Weise. Manchmal ist sie bereits vor der Berührung da, manchmal entwickelt sie sich erst im Verlauf und manchmal entsteht gar keine Lust, obwohl Berührung und Nähe stattfindet und diese gewollt sowie angenehm ist.

Nähe darf sich entwickeln. Sie darf intensiv sein, sie darf zu Sexualität führen, sie darf aber auch an jedem Punkt bleiben oder enden.

Wenn diese Offenheit vorhanden ist, muss nicht bereits vor der ersten Berührung entschieden werden, ob daraus mehr werden soll. Das kann den Raum schaffen, wieder Nähe zu ermöglichen, ohne dass eine Person vorsorglich schon auf Abstand geht.

Wenn Erwartungen unausgesprochen bleiben

Für einen Menschen ist eine Umarmung vielleicht Ausdruck von Verbundenheit. Für den anderen bereits der Beginn sexueller Annäherung. Eine Person möchte kuscheln, die andere versteht vielleicht das Kuscheln als Einladung. Vielleicht spricht niemand darüber, weil beide davon ausgehen, dass es eh klar ist, dass eine bestimmte Berührung etwas Bestimmtes bedeutet. Dabei geben wir Menschen denselben Bedürfnissen unterschiedliche Bedeutungen.

Wird dieses Muster nicht erkannt, kann es sich verstärken. Nähe wird seltener angeboten, weil sie missverstanden werden könnte. Berührungen werden vorsichtiger angenommen, weil daraus eine Verpflichtung entstehen könnte. Irgendwann geht vielleicht beides verloren, sowohl die selbstverständliche körperliche Nähe als auch die Sexualität.


Nähe darf für sich stehen

Nähe und Lust können zusammengehören. Müssen es aber nicht. Entscheidend ist nicht, dass Berührung niemals zu mehr führen darf. Entscheidend ist, dass sie nicht für jeden automatisch zu mehr führen muss.
Vielleicht geht es nicht darum, wie viel Nähe zwischen Menschen stattfindet. Sondern auch darum, was für Erwartungen mit Nähe verbunden werden.


Stell dir einmal folgende Fragen:

Was ist für mich Nähe?
Muss Nähe immer ein Danach haben?
Kannst du Nähe annehmen, ohne dass in dir das Gefühl entsteht, etwas leisten zu müssen?